Normen zu Nanomaterialien

Normen (Standards) haben eine grundlegende - jedoch oft nicht immer - sichtbare Bedeutung für die nationale und internationale Wirtschaft und den Handel. Denn sie ermöglichen eine Übereinkunft über Bezeichnungen, Beschreibungen und Spezifikationen. Normen können so sicherstellen, dass technische Einrichtungen und Geräte die vorgegebenen Anforderungen erfüllen und im Verbund mit anderen Komponenten arbeiten.

Bedeutung und Entstehung von Normen

Normen werden von Normungsinstituten und -organisationen im nationalen, europäischen und internationalen Rahmen entwickelt. Weltweit gültige Normen werden von der ISO ("International Organisation for Standardisation") und europäische gültige Normen vom CEN ("Comité Européen de Normalisation") erarbeitet. Nationale Normen werden von nationalen Normungsinstituten - in Österreich dem ASI ("Austrian Standards Institute") - publiziert.

Die inhaltliche Arbeit erfolgt durch die vielen nationalen Expertinnen und Experten, die sich auf freiwilliger Basis in Arbeitsgruppen dieser Organisationen zusammenfinden. Die europäische und die internationale Normenarbeit wird durch ein österreichisches "Spiegelkomitee" begleitet - zum Thema Nanotechnologie nimmt diese Aufgabe die Arbeitsgruppe AG 073 innterhalb des Komitees 052 "Arbeitsschutz, Ergonomie, Sicherheitstechnik - AES" wahr.

Nach Einigung in den nationalen Arbeitsgruppen und der Zustimmung durch die nationalen Delegationen in europäischen und internationalen Arbeitsgruppen werden die Entwürfe publiziert, damit die Öffentlichkeit Gelegenheit zur Stellungnahme hat.

Normen repräsentieren den Stand der Technik, sind aber keine Gesetze, ausgenommen, wenn sie für verbindlich erklärt worden sind.

Weitere international anerkannte Dokumente zum Thema Nanotechnologie werden von der Organisation für die wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) veröffentlicht.

ISO- und CEN-Normen im Bereich der Nanotechnologie

Seit dem Beginn des 21. Jahrhundert wurden Nanotechnologien in vielen Industrieländern und in der Europäischen Union durch staatliche Förderprogramme unterstützt sowie viele neue Nanotechnologie-Anwendungen und -Produkte entwickelt.

Ab 2004 wurden in China, Japan, den USA und in Europa erste Komitees und Arbeitsgruppen zur Normung von Nanotechnologie gegründet.

Die ISO ("International Organisation for Standardisation") hat 2005 ein "Technical Committee", das "ISO/TC 229 Nanotechnologies" mit mehreren Arbeitsgruppen eingerichtet.

An der Entwicklung von europäischen technischen Normen - sie gelten in den Mitgliedstaaten der EU, der EFTA sowie einer Reihe von benachbarten Ländern und sind mit der Bezeichnung "EN" versehen - arbeitet seit 2006 im Rahmen von CEN das Technische Komitee "CEN/TC 352 Nanotechnologies". Die Europäische Kommission vertraut zunehmend auf Instrumente der europäischen Normung im Binnenmarkt und hat das CEN beauftragt, die Harmonisierung der technischen Normen im EU-Raum voranzutreiben. Sie hat dazu in den Jahren 2007, 2010 und zuletzt 2013 Arbeitsaufträge ("Mandate") für den Bereich der Nanotechnologien erteilt.

Warum sind Nano-Normen nützlich?

Die Vorteile, die Normen in diesem neuen Technologiesektor mit sich bringen können, sind in einem Handbuch der Europäischen Kommission (Generaldirektion Forschung und Innovation - Industrielle Technologien) im Jahr 2013 so beschrieben worden:

  • sie erlauben die Herstellung von Klarheit in der Kommunikation (worüber reden wird? wie nennen wir diese Eigenschaft?);
  • es wird dadurch die Möglichkeit für allgemeine Spezifikationen, für Messungen und Testverfahren geschaffen (wie laufen verlässliche Messverfahren ab?);
  • damit kann die Reproduzierbarkeit, die Qualität und auch der Schutz vor potentiellen gesundheitlichen und umweltrelvanten Auswirkungen erreicht werden;
  • ... und durch Normen wird auch die Grundlage für weitere technologische Innovationen und für eine wirksame Regulierung geschaffen.

Welche Themen für Nano-Normen werden behandelt?

Sowohl beim Technischen Komitee TC 229 der ISO als auch beim Technischen Komitee TC 352 der CEN sind die Arbeitsfelder folgenden Arbeitsgruppen zugeordnet:

  • Terminologie und Namensgebung
  • Messverfahren und Charakterisierung
  • Sicherheitsaspekte, gesundheitliche und umweltrelevante Auswirkungen
  • Spezifikationen von Nanomaterialien (und Referenzmaterialien

Möglichkeiten zur Mitarbeit an der Normenarbeit

Über die Möglichkeiten zur Mitarbeit bzw. Mitgestaltung von Normen gibt es ausführliche Informationen seitens des ASI ("Austrian Standards Institute"). Möglich ist

  • die Mitarbeit an der Entwicklung neuer Normen,
  • die Stellungnahme zu vorliegenden Normentwürfen und
  • die Anregung für die Überarbeitung von bestehenden Normen.

Aktuelle Normentwürfe, die gerade zur Stellungnahme durch die Öffentlichkeit aufliegen und während der Einspruchsfrist öffentlich zugänglich sind, finden sich beispielsweise im Normentwurfsportal von Austrian Standards. Nach einer kostenlosen Registrierung können diese unter Komitee 052 aktiv kommentiert werden.

OECD-Dokumente im Bereich der Nanotechnologie

Auch von der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, sind nützliche Informationen über den Umgang mit Nanomaterialien publiziert worden.

Die OECD ist ein Forum, in dem derzeit mehr als 30 Industrieländer aus Europa, Nord- und Südamerika sowie dem asiatisch-pazifischen Raum zusammenarbeiten; mit Russland, der Volksrepublik China, Brasilien, Indien und weiteren Staaten Afrikas, Asiens und der Karibik bestehen Kooperationsvereinbarungen.

Vor dem Hintergrund des enormen Wachstums der chemischen Industrie und angesichts von Bedenken über umweltgefährdende Auswirkungen beschlossen die Mitgliedstaaten der OECD 1971, die internationale Kooperation zur Bewertung und Regulierung von Chemikalien zu verbessern. Eine neu gegründete OECD-Abteilung, die "Chemicals Division", begann ab 1978 mit einem Sonderprogramm zur Chemikalienkontrolle. Im Jahr 2006 wurde dort eine neue Arbeitsgruppe, die "Working Party on Manufactured Nanomaterials" (WPMN), gegründet. Sie erhielt den Auftrag, sich mit den neuartigen synthetischen Nanomaterialien zu befassen und dabei sicherheitsrelevante Fragen und Nano-Risiken näher zu untersuchen.

Von der OECD-WPMN werden Dokumente herausgegeben, die auch Testungen und Messungen von Nanomaterialien betreffen. Zudem werden Prüfmethoden und Leitlinien-Dokumente vorbereitet, welche an die OECD-Schwesternarbeitsgruppe - der "Working Group of National Coordinators of the Test Guidelines Programme" (WNT) - zur Bearbeitung weitergegeben werden.

Folgende Prüfmethoden bzw. Leitlinien-Dokumente werden bereits in der WNT weiterentwickelt:

  • Guidance Document on Aquatic (and Sediment) Toxicity Testing of Nanomaterials
  • Test Guideline on agglomeration behaviour of nanomaterials in different aquatic media
  • New Guidance Document (Decision-Tree) on agglomeration and dissolution behaviour of nanomaterials in aquativ media
  • New Test Guideline on dissolution rate of nanomaterials in aquatic environment
  • New Test Guideline for nanomaterial removal from wastewater
  • New Guidance Document on assessing the apparent accumulation potential for nanomaterials
  • Amendments to the Inhalation Test Guidelines and Guidance Document to accomodate nanomaterial safety testing
  • Guidance Document on the adaption of in vitro mammalian cell based genotoxicity Test Guidelines for testing of manufactured nanomaterials

Die Europäische Chemikalienagentur ECHA kann etwa auf derartige Dokumente der WPMN oder WNT in Entscheidungen verweisen - etwa, wenn neue Daten von Unternehmen nachgefordert werden.